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An einem warmen Sommerabend sitze ich vor meinem Späti in Neukölln. Die Luft ist weich, Stimmen mischen sich ineinander, dass sie wie summende Bienen klingen und für einen Moment wirkt Berlin friedlich.

Dann sehe ich ihn: einen durchtrainierten Mann mit finsterem Blick, der aufgeplustert die Straße entlangkommt, als trage er eine unsichtbare Rüstung. Es sieht entschlossen aus, wirkt aber auf mich feindselig. Aus der anderen Richtung nähert sich ein zweiter, fast identisch. Sie bewegen sich genau aufeinander zu und bleiben dicht voreinander stehen. Im Späti wird es still. Beide fixieren sich, beide machen sich größer, breiter, härter. Für einen Augenblick stehen sie zu dicht voreinander, als würde die Luft zwischen ihnen knistern.

Ich frage mich: Wie finden sich zwei Menschen, die sich schützen wollen, so präzise – und bringen sich dabei fast in Gefahr?

Und dann merke ich: Ich kenne dieses Muster. Als junger Mann, unsicher und verletzlich, habe ich mich genauso aufgeplustert, um mich sicherer zu fühlen. Eine bittere Ironie: Der Wunsch nach Sicherheit erzeugt genau die Bedrohung, vor der man sich schützen will.

Heute weiß ich, dass ich diese Szene immer noch täglich wiederhole. Nicht auf der Straße, sondern in Gesprächen. In zwischenmenschlichen Konflikten. Ich blähe mich innerlich auf, verteidige mich – und plötzlich stehe ich genauso dicht vor jemandem wie diese beiden Männer. Nur dass die Schläge hier sprachlich sind.

Genau hier beginnt der eigentliche Konfliktmechanismus.

Warum Konflikte eskalieren: Verteidigung wird als Angriff gelesen

Wenn jemand seine Sicht erklärt, meint er oft:

„Ich sage dir nur, wie ich es sehe.“

Doch beim Gegenüber kommt an.

„Du greifst meine Sicht an.“

Das ist kein Missverständnis, sondern ein Muster.
Des einen Verteidigung ist des anderen Angriff.

Neurophysiologisch passiert Folgendes:

  • Das Gehirn liest Widerspruch als Statusbedrohung.
  • Die Amygdala springt an → Stressreaktion.
  • Der präfrontale Kortex fährt herunter → weniger Zuhören, weniger Perspektivwechsel.
  • Beide Nervensysteme synchronisieren sich – im Alarmmodus.

So entsteht ein Schlagabtausch, der sich selbst verstärkt:
sprachlich, emotional, physiologisch.

Drei Modi im Konflikt: Recht geben, Recht behalten, Validieren

Recht geben

Recht geben heißt: Ich stimme dir zu, obwohl ich es nicht wirklich tue.

Kurzfristig beruhigt das. Langfristig untergräbt es Klarheit und Vertrauen.

Aber:

  • Es gibt legitime Gründe für bewusstes Nachgeben.
  • Bei trivialen Themen oder hoher Belastung kann es Selbstfürsorge sein.
  • Problematisch wird es erst, wenn es zur Gewohnheit wird.

Recht behalten

Recht behalten heißt: Ich erkläre dir, warum ich es anders sehe. Ich rechtfertige mich.1 Wenn wir ehrlich sind, tun wir dies meist, weil wir unsere Sicht bedroht fühlen und uns damit selbst angegriffen fühlen.

Das heißt:
Wer sich rechtfertigt, versucht nicht nur zu erklären, sondern seine Sicht als die richtige zu etablieren.
Und genau das wird vom Gegenüber als Angriff gelesen. Rechtfertigen teilt sich ein Wesensmerkmal mit dem Aufplustern der beiden Kraftprotze in Neukölln. Es schützt kaum, aber provoziert.

Warum das eskaliert:

  • Jede Rechtfertigung enthält implizit: „Du liegst falsch.“
  • Das aktiviert Bedrohungsnetzwerke.
  • Verteidigung wird als Gegenangriff gehört.
  • Die Schleife beginnt, steigert sich dynamisch, das Gehirn macht zunehmend dicht.

Aber wichtig:

  • Recht behalten ist nicht grundsätzlich falsch.
  • Bei Grenzverletzungen, ethischen Prinzipien oder Sicherheit ist Klarheit notwendig.
  • Wenn der Klügere immer nachgibt, regiert am Ende die Dummheit.

Fazit:
Nicht auf Recht behalten verzichten –
sondern vor jedem Recht behalten zunächst validieren.

Validieren

Validieren heißt nicht: „Du hast recht.“
Sondern:

„Ich sehe, warum du das so siehst.“

Es ist Perspektivübernahme ohne Selbstverleugnung. Dem anderen wird nicht die Wahrheit gewährt, sondern die Kohärenz seiner Welt, also die innere Folgerichtigkeit seiner Überlegungen.2

Warum es wirkt:

  • Validieren wird nicht als Angriff gelesen.
  • Es beruhigt das Nervensystem des anderen.
  • Der präfrontale Kortex kommt wieder online.
  • Die Gesprächsdynamik wechselt von Verteidigung zu Kooperation.

Wichtig:

Validieren funktioniert nur, wenn es aufrichtig ist.
Es geht darum, den anderen zu verstehen. Unaufrichtigkeit aktiviert dieselben Bedrohungsnetzwerke wie Widerspruch.

Vergleich der drei Modi

Wirkung auf BeziehungWirkung auf NervensystemLangfristige Folge
Recht gebenSchein-HarmonieUnterdrückter StressKonflikte kehren zurück
Recht behaltenKonfrontationAlarmmodus, EskalationFronten verhärten
ValidierenVertrauen, SicherheitRegulation, KlarheitGemeinsame Lösungen

Der Ausweg aus dem Schlagabtausch

Wenn Konflikte eskalieren, liegt es selten an den Positionen.
Es liegt an der Dynamik:

Verteidigung → wird als Angriff gelesen → löst Verteidigung aus → wird als Angriff gelesen.

Der Weg heraus ist überraschend einfach – und zugleich anspruchsvoll:

Nach jedem eingesteckten Schlag, den anderen zunächst zu validieren.

Nicht im Sinne von „Ich gebe dir recht“,
sondern im Sinne von:

„Ich sehe, wie du darauf kommst.“

Erst wenn der andere spürt, dass seine Sicht verstanden wird, endet der Alarmzustand.
Erst dann wird Klärung möglich.

Einordnung der Kategorien

Die drei Modi sind keine Schubladen, sondern Pole eines Spektrums.
Menschen wechseln oft innerhalb weniger Sekunden zwischen ihnen.
Sie dienen mir hier als analytische Werkzeuge – nicht als moralischen Urteile.

Doch nur einer unterbricht die Eskalationsschleife zuverlässig:

Validieren – aufrichtig, klar, ohne Selbstverleugnung.

Wenn du dich angegriffen fühlst, kurz innehalten. Aktiv zuhören, den anderen in seiner Welt validieren. Fragen, ob du ihn verstanden hast, erst dann rechtfertigen und die Validation durch dein Gegenüber einfordern.

Aber klappt das auch in der Hitze des Wortgefechts?
Ja, aber nicht sofort.

Es braucht etwas Übung – doch dann hören Konflikte auf, so hitzig zu sein. Dann wird es immer leichter. Am besten funktioniert es, wenn beide Seiten üben.

Wenn du das für dich oder mit deinem Team üben möchtest,
dann sprich mich gerne an.

Ich begleite dich gern dabei, diese Dynamik zu meistern.


  1. Ein kurzer Blick auf die Herkunft des Wortes. „Rechtfertigen“ bedeutet ursprünglich: etwas recht machen, etwas in sein Recht setzen, zeigen, dass etwas gerecht ist. ↩︎
  2. Ich habe mehr als ein halbes Jahrzehnt an meiner Dissertation gearbeitet, die ganze philosophische Tiefe dieses Gedankens zu ergründen. Man sehe mir nach, dass ich hier auf vollmundige Konzepte wie “Wahrheit“ und „Kohärenz“ nicht ganz verzichten konnte. ↩︎

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