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Recht haben ist keine Leistung, sondern meist ein Fluch. Vor ein paar Monaten sind zwei Freundinnen von mir in eine kleine Villa gezogen. Ein hübsches Haus, ein bisschen verwunschen, mit knarrenden Dielen und einem wilden Garten, der im Sommer nach Lavendel riecht. Es war der perfekte Ort für einen Neuanfang. Sie hatten Pläne, Visionen, eine gemeinsame Küche voller Lachen und ein Wohnzimmer voller Gespräche. Nur eines hatten sie nicht: Werkzeuge, um Konflikte auszutragen und Ärger auszulüften, bevor er sich wie Staub in den Ritzen des Hauses sammelten.


Was sich zunächst wie ein kleines Unbehagen anfühlte, wurde zu einem Druck, der nirgends entweichen konnte. Ärger, der nicht ausgesprochen wird, sucht sich seine eigenen Wege — und selten sind es die guten. Nach ein paar Monaten war die Stimmung so vergiftet, dass die eine der anderen die Freundschaft kündigte. Jetzt ziehen sie wieder auseinander.
Zwei Menschen, die sich einmal liebten, stehen nun ratlos vor den Trümmern einer Beziehung, die sie beide nicht mehr verstehen.
Es ist, als hätten sie in demselben Haus gewohnt, aber in zwei völlig verschiedenen Welten. Die eine erlebte wochenlangen Sturm, die andere drückende Hitze und Stillstand. Beide waren überzeugt, dass ihre Wahrnehmung die richtige sei — schließlich spürten sie sie ja am eigenen Leib. Und weil jeder Mensch seinem eigenen inneren Wetterbericht mehr glaubt als dem des anderen, hielten sie einander irgendwann für unvernünftig, empfindlich oder schlicht unerträglich. Nicht aus Bosheit, sondern weil Wut das Denken vernebelt wie Nebel die Sicht: Man sieht nur noch die eigene Hand vor Augen und hält sie für die ganze Welt.

Ich kenne das aus dem beruflichen Umfeld. Musiker eines Orchesters, die sich nicht mehr ansehen. Chefärzte, die nur noch über Anwälte kommunizieren. Teams, die sich in Lager spalten, als ginge es um Glaubenskriege. Und immer wieder dieselbe Überzeugung, dieselbe innere Stimme, derselbe Satz, der wie ein Mantra durch die Köpfe hallt:
„Mit dem anderen stimmt was nicht.“
Es ist schon auffällig, wie zuverlässig Menschen in Konflikten davon überzeugt sind, die Vernunft persönlich zu verkörpern. Wie oft kommt es vor, dass ein Nachbar über den Zaun brüllt und sich dabei denkt: „Krass, ich bin grad voll im Unrecht“? Oder dass eine Armee auf eine andere feuert und dabei denkt: „Wow, wir reagieren hier maßlos über“?
Stattdessen hören wir ein trotziges, fast schon kindliches:
„Ist doch wahr!“ 
Oder: „Wir reagieren bloß.“
Und hier lohnt sich ein Blick auf die lange Geschichte menschlicher Konflikte. Vermutlich gab es in den letzten 300.000 Jahren keinen einzigen Streit, keinen Krieg, keinen Nachbarschaftszoff, keine Eifersuchtsszene, in der es nicht jeder Partei gelungen wäre, eine Geschichte zu erzählen, aus der sich ergibt, dass sie gerechtfertigt ist. Jede Gruppe, jede Familie, jeder Clan, jede Nation hat es immer geschafft, sich selbst als die Seite darzustellen, die „musste“, „sich wehren musste“, „nur reagiert hat“, „im Recht war“.
Etwas, das jede Partei in jedem Konflikt seit Anbeginn unserer Art geschafft hat, kann keine große Leistung sein.
Recht haben ist kein Kunststück. Es ist ein Automatismus.
Und hier wurzelt das eigentliche Drama. Denn dieses Gefühl, recht zu haben, ist kein Beweis für Wahrheit, sondern ein Nebenprodukt unserer Biologie. In hitzigen Momenten verschiebt sich die Balance in unserem Gehirn. Die schnellen, alten, emotionalen Netzwerke drängen nach vorne. Sie verlangen nach Klarheit, nach Eindeutigkeit, nach einfachen Urteilen. Der präfrontale Kortex, unser Zentrum für Reflexion und Selbstkritik, arbeitet zwar weiter, aber er arbeitet parteiisch. Er wird zum Anwalt unserer Emotionen, nicht zu ihrem Richter. Er verteidigt, was die Wut diktiert. Er rationalisiert, statt zu reflektieren.
Das Ergebnis ist eine subjektive Gewissheit, die sich anfühlt wie Wahrheit, aber in Wirklichkeit nur ein verzerrtes Abbild ist.

Wut erzeugt Gewissheit. Reflexion erzeugt Zweifel.

Und wenn die Wut abklingt, wenn die emotionale Erregung sinkt, wenn der präfrontale Kortex wieder Kapazität gewinnt, dann erscheint uns unser eigenes Verhalten plötzlich überzogen, unklug, ungerecht. Dann fragen wir uns: „Welcher Teufel hat mich da geritten?“ Die Antwort ist ernüchternd: kein Teufel. Nur ein evolutionäres Erbe, das uns in hitzigen Momenten Gewissheit schenkt, wo eigentlich Zweifel angebracht wäre. Es ist gefährlich, „Recht haben“ als Leistung zu betrachten. Es ist keine. Recht haben ist billig. Es entsteht von selbst. Es ist immer da, sobald wir uns ärgern. Die eigentliche Leistung beginnt erst dort, wo wir neben unserer eigenen Sicht der Dinge auch die des anderen erwägen. Wo wir verstehen, dass der andere ebenso überzeugt ist wie wir — und aus Gründen, die für ihn genauso zwingend erscheinen wie unsere für uns.
Geleistet ist erst etwas, wenn wir eine zweite Perspektive zulassen. Oder eine dritte. Wenn wir begreifen, dass das Gefühl, recht zu haben, kein Beweis ist, sondern ein Symptom.
Vielleicht ist das der Punkt, an dem die eigentliche Arbeit beginnt: nicht beim Recht haben, sondern beim Verstehen, warum auch der andere glaubt, im Recht zu sein.



Da fällt mir gerade etwas ein: Aus meiner letzten WG in Berlin bin ich auch mehr oder weniger im Streit ausgezogen. Aber das lag wirklich an den anderen.

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