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Präsenz als Raum zwischen Reiz und Reaktion

Manchmal entscheidet ein Atemzug darüber, ob wir uns in die Hölle stürzen oder für eine Weile den Himmel auf Erden finden.
Ich habe Jahre gebraucht, um zu verstehen, was Viktor Frankl meinte, als er sagte: Freiheit ist der Raum zwischen Reiz und Reaktion. Erst eine Geschichte von Tara Brach stieß mich auf die Bedeutung dieses Raums.

Eine Szene im Supermarkt

Ein amerikanischer Afghanistan‑Veteran steht mit einem vollen Einkaufswagen an der Kasse. Eine ältere Frau mit einem kleinen Kind schiebt sich vor. Sein Ärger steigt. Die Erinnerung an Krieg, die Enge in der Brust, die alte Gewissheit, dass Wut schützt und Recht schafft — all das rollt wie eine Welle in ihm hoch. Er kennt diese Reaktion; sie ist vertraut, automatisiert, fast wie ein Reflex.

Und dann passiert etwas, das nicht geplant war. Er spürt die Wut, benennt sie innerlich, ohne ihr sofort zu folgen. Er schafft einen winzigen Abstand zu dem Impuls, der ihn antreibt. In diesem Abstand hört er sich selbst sagen: „Das war ja ein süßes Kind.“ Er ist verblüfft. Die Verkäuferin lächelt, erzählt, dass das Kind ihr Sohn ist und die Großmutter ihn oft mitbringt, weil der Vater nicht aus Afghanistan zurückgekehrt ist. Zwei Menschen, beide vom selben Krieg gezeichnet, begegnen sich für einen Moment.

Was hier geschieht

Psychologisch ist das simpel und doch radikal: Der Raum zwischen Reiz und Reaktion eröffnet eine Wahl. Ohne diesen Raum reagiert der Mensch automatisch; mit ihm kann er bewusst handeln. Für Führungskräfte heißt das konkret: Gute Entscheidungen, Beziehungen und Kultur entstehen nicht im Impuls, sondern in der Lücke, die uns die Präsenz eröffnet. In dieser Lücke kann Vernunft wirken, Mitgefühl auftauchen und sich eine andere Welt öffnen.

Beide Wege sind konsistent. Hätte der Veteran zugelassen, dass die Wut ihn übernimmt, wäre eine andere, ebenfalls stimmige Welt entstanden: Rechtfertigung, Eskalation, eine Spirale von Zorn, die sich selbst nährt. Er hätte dann nicht erkannt, wie tief er mit den dreien verbunden ist und wie nichtig das Trennende — ein Einkaufswagen und ein paar Minuten. Dasselbe gilt für Teams, Meetings und Familien.

Radikale Akzeptanz und die Traditionen, die das bestätigen

Die Erfahrung des Veterans verband für mich mehrere Stränge, die ich lange getrennt betrachtet hatte.

Radikale Akzeptanz bedeutet, das, was ist, ohne Widerstand zu sehen — Gefühle wahrzunehmen, ohne sich mit ihnen zu identifizieren. („Ich spüre Wut, okay.“, statt „Ich bin sauer, Feuer frei“)
Taoismus lehrt, mit dem Fluss des Lebens zu gehen, nicht gegen ihn. Er zeigt, wie Widerstand Energie bindet und wie Loslassen Raum schafft.
Advaita Vedanta (eine Schule im Hinduismus) spricht von Nicht‑Dualität: Die Trennung zwischen Subjekt und Objekt ist letztlich eine Konstruktion; Bewusstsein kann die Identifikation mit Impulsen durchschauen.
Alle drei Perspektiven treffen sich in der Praxis: Freiheit entsteht im Inneren, nicht durch äußere Kontrolle. Diese Linien der östlichen Philosophie lassen sich mit Frankls Definition verbinden: Freiheit ist nicht ein Zustand, den äußere Umstände schenken, sondern eine innere Weite, die uns erlaubt, zwischen Reiz und Reaktion zu stehen.

Himmel und Hölle als Metapher

Wenn wir die Begriffe Himmel und Hölle als Metaphern lesen, eröffnen sie eine kraftvolle Perspektive. Die Hölle ist kein metaphysischer Ort, sondern ein Zustand, in dem Seelen sich wechselseitig quälen indem sie ihre Wut aneinander entladen. Der Himmel ist kein jenseitiger Ort, sondern ein Moment echter Verbindung, in dem Menschen ineinander das gemeinsame sehen. Ich deute hier nicht theologische Aussagen dogmatisch; ich nutze die Bilder als philosophische Werkzeuge, um zu zeigen, wie radikal unterschiedlich die Welten sind, die ein einzelner Atemzug eröffnen kann.

Ein persönliches Beispiel

Ich habe in einer Gemeinschaft mit 19 Menschen gelebt. Manchmal war es himmlisch, manchmal nicht — oft nur abhängig von einem Impuls, einer Nachricht, einem Satz. Ich erinnere mich gut an eine Nacht, in der ich eine wütende Nachricht schrieb und sie dann als Entwurf liegen ließ. Am nächsten Morgen las ich die Nachricht und war erleichtert — ich hätte mit ihr unnötig Porzellan zerschlagen und eine Klärung erschwert. In der Gemeinschaft habe ich gelernt, wie ein Handeln aus dieser Wut zwar kurz Erleichterung bringt, aber der Ärger auf anderen Wegen bald zurückkehrt.

Präsenz als Praxis und Einladung

Präsenz ist die Fähigkeit, im gegenwärtigen Moment wach und aufmerksam zu sein, ohne sich automatisch mit Gedanken oder Gefühlen zu identifizieren. Präsenz ist kein Prädikat oder Titel, das man einmal erwirbt und fortan hat. Sie ist das Resultat regelmäßigen Trainings. Meditation ist kein esoterisches Extra, sondern das Training für Präsenz. Präsenz wiederum ist notwendig, um den Raum zwischen Reiz und Reaktion nicht zu verpassen. Wer meditiert, lernt Aufmerksamkeit zu lenken, Impulse zu beobachten und jene Lücke zu nutzen, in der Freiheit entsteht.

Einmal im Jahr biete ich ein Meditationsseminar an. Ich decke den philosophischen Teil ab — die Fragen nach Freiheit, Sinn und innerer mentalen Zuständen — und eine sehr erfahrene Meditationslehrerin bringt anderthalb Dutzend konkrete Techniken mit. Am Ende dieses Kurses wissen die Teilnehmenden, wie sich Präsenz anfühlt und wie man sie trainiert. Es ist kein Versprechen auf Perfektion, sondern eine Anleitung, den inneren Raum zu betreten, in dem Entscheidungen anders möglich werden.

Schlussgedanke

Ich beschäftige mich seit meiner Jugend neugierig und skeptisch mit Philosophie und vieles, was schön klingt, hat mich im Alltag nicht überzeugt. Doch Präsenz zu kultivieren, halte ich für wichtig, um ein gelingendes Leben mit gesunden sozialen Beziehungen zu führen. Sie hilft mir, klarer zu sehen, ruhiger zu handeln und Menschen tiefer zu begegnen.

Der Gedankengang über Tara Brachs Veteran und Viktor Frankls Fassung von Freiheit soll zusammen motivieren, sich für Präsenz zu interessieren. Manchmal entscheidet ein kleiner Moment der Präsenz zwischen Himmel und Hölle.

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